Spotlight (USA 2015)

spotlight-2015Man darf die Bedeutung der katholischen Kirche für die Gesellschaft nicht von den Verfehlungen einzelner Geistlicher abhängig machen. Aussagen wie diese machen wütend. Getroffen werden sie immer dann, wenn Fälle von Missbrauch innerhalb des Klerus publik werden. Geholfen ist damit niemandem, am wenigsten den Opfern. Dabei wird der eigentliche Skandal, die Vertuschungsversuche durch Erzbistümer, meist ignoriert. Wenn im Abspann von „Spotlight“ weltweit Orte aufgelistet werden, an denen öffentlich bekannt wurde, dass sich Priester sexuell an Kindern vergangen haben, wird der gern bemühten Theorie bedauerlicher Einzelfälle ihre Entsprechung in der Realität entzogen.

Im Geiste nüchterner Klassiker des investigativen Tatsachenkinos, solchen wie der Watergate-Aufbereitung „Die Unbestechlichen“ (1976), widmet sich der Oscar-nominierte Regisseur Tom McCarthy („Ein Sommer in New York – The Visitor“) einem der größten Kirchenskandale der jüngeren Vergangenheit. Zu Beginn des neuen Jahrtausends deckten Journalisten mehr als 1.000 Missbrauchsfälle durch Priester in Boston auf und wiesen eindeutig nach, dass die Verheimlichung der abscheulichen Taten von höherer Stelle explizit angeordnet wurde. Der Titel bezieht sich auf ein vierköpfiges Reporterteam der Tageszeitung Boston Globe, das vom Rest der Redaktion unabhängig und oft über Monate intensiv zu einem einzelnen Thema recherchierte.

Als mit Marty Baron (durch „Ray Donovan“ im Umgang mit pädophilen Priestern geschult: Liev Schreiber) ein neuer Chefredakteur eingesetzt wird, betraut er Walter Robinson (Michael Keaton, „Birdman“) und Kollegen mit der Untersuchung sexueller Missbrauchsfälle durch lokale Geistliche. Für Michael Rezendes (Mark Ruffalo, „The Kids Are Alright“), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams, „A Most Wanted Man“) und Matt Carroll (Brian d’Arcy James, „Sisters“) gilt es fortan, Mauern des Schweigens einzureißen und vor Gericht für den Einblick in Kirchenakten zu kämpfen. Sie knüpfen Kontakte zu einer Selbsthilfegruppe sowie Opferanwalt Mitchell Garabedian (Stanley Tucci, „Inside Wikileaks“) und fühlen Eric Macleish (Billy Crudup, „Watchmen“) auf den Zahn, der als Rechtsvertreter der Kirche Entschädigungszahlungen an die Opfer aushandelt. Dabei zeigt sich bald, dass die wahren Ausmaße des Skandals viel weiter reichen, als eingehend angenommen.

Im besten Sinne unspektakulär setzt McCarty, der mit Josh Singer („The West Wing“) auch das Drehbuch schrieb, auf Fakten. Da ist keine konventionell spannungsgetriebene Gegenwehr, keine Bemühung von Kardinal Law (Len Cariou, „Blue Bloods“), die Arbeit der Journalisten zu torpedieren. Die Inszenierung bleibt sachlich und erweist sich dennoch als beständig packend. Das Spiel des zurückhaltenden Ensembles (u.a. John Slattery, „Mad Men“), in dessen Reihen Ruffalo und McAdams je eine Oscar-Nominierung erhielten, ist dem nie reißerischen Tenor angepasst. Dass die Recherche an den funktional grob umrissenen Hauptfiguren nicht spurlos vorübergeht, sorgt für emotionale Spitzen, die frei von Polemik bleiben. Selbst die Frage, wer in der Redaktion Hinweise auf den Skandal Jahre zuvor als zu unbedeutend abwies, wird nicht dramaturgisch aufgebauscht beantwortet. „Spotlight“ ist leise inszeniert, in seiner Aussage dafür umso lauter – und gerade darum ein würdiger Anwärter auf den Oscar als bester Film.

Wertung: 8.5 Stars (8,5 / 10)

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