Saint Martyrs – Stadt der Verdammten (CAN 2005)

saint-martyrs-stadt-der-verdammtenEntspricht ein übernatürlicher Thriller nicht der normierten Sehgewohnheit, lassen Vergleiche mit David Lynch zumeist nicht lange auf sich warten. Scheinbar zusammenhanglose Szenarien alptraumhafter Obskurität prägen auch die frankokanadische Produktion „Saint Martyrs“. Regisseur Robin Aubert deutet mehr an als er zeigt. Aber macht ihn das zu einem Wegelagerer auf den kreativen Spuren David Lynchs? Im Grunde schon, sind formale wie inhaltliche Parallelen doch zweifelsfrei gegeben. Allerdings nicht in solcher Wesensfülle, dass Auberts Film kein eigenes Profil mehr besäße.

Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist das ländliche Städtchen Saint Martyrs. Dorthin verschlägt es den Journalisten Flavien (François Chénier, „Aline“), der vor Ort das mysteriöse Verschwinden einiger Bewohner untersuchen und für das im Niedergang befindliche Tageblatt seines Ziehvaters verschriftlichen soll. Sein Begleiter ist der Fotograf Armand (Patrice Robitaille, „The Rocket“), der, kaum im örtlichen Hotel angekommen und die Zimmer bezogen, auch schon verschwunden ist. Die Suche nach dem Freund wird für Flavien zum Alptraum, setzen fremde Mächte doch alles daran, seine Recherche vorzeitig zu beenden.

Der Auftakt gerät Langfilmdebütant Robin Aubert zum skurrilen Stapellauf. Flaviens Interview eines eigenen Angaben zufolge von Außerirdischen entführten Ehepaars, der eigens kreierte Zeitungsaufmacher eines Affenmenschen, der einen dreibeinigen Transvestiten ehelicht. Der folgende Ermittlungstrip wird zur Reise ins Ungewisse. Die erste Geistererscheinung, eine Verstorbene im Brautkleid, lässt nicht lange auf sich warten. Während der Suche nach Armand setzt sich das Schaulaufen absonderlicher Gestalten fort: ein Tankwart mit Gesichtsmaske, ein cholerischer Bürgermeister nebst streitsüchtigen Rockabilly-Söhnen, eine Strapse auftragende Imbisswirtin, ihr mongoloider Sohn mit allwissendem Teddybär und eine junge Frau, die vorzugsweise E-Gitarre auf einer Weide spielt. Nicht zu vergessen die abscheuliche, in einem alten Fabrikgebäude lauernde Kreatur.

Leicht ist es nicht, der verschlüsselten Informations- und Handlungsfülle zu folgen. Dass der puzzleartige Erzählstil in Hälfte zwei einer annähernd nachvollziehbaren Auflösung entgegenstrebt, ist Auberts Differenzierungspotential von David Lynch. Paradoxerweise wird ihm gerade das zum Nachteil. Das irrwitzige Element besteht nicht über die nachhaltige Stringenz der Narration, sondern nur noch über die glänzende Optik. „Saint Martyrs“ ist eine Aneinaderreihung irrealer Wirrungen, ein Zerrspiegel kleinstädtischer Klischees. Sein Publikum hat sich der Film verdient. Nicht nur aufgrund seiner konsequenten Andersartigkeit. Auch für Lynch-Puristen ist er einen Blick wert.

Wertung: (6 / 10)

 

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