Mahlstrom – MÆANDER (2018, Through Love Records)

„Ich habe keine Angst mehr davor, unbequem zu sein.“ – `Wir sollst du sein!`

Leben ist Frust. Leben ist Wut. Leben ist Verzweiflung. Wir mäandern von einem Tiefschlag zum nächsten, während die Welt und die Menschen darin beständig verfallen. Es ist ein Mahlstrom, ein destruktiver, alles verschlingender Sog. Das ist die eine Seite. Aber da ist noch eine andere: Sie ist zart, gefühlvoll, wahrt den Blick für die schlichte Schönheit des Augenblicks. Der Post-Hardcore bringt bevorzugt beide Ausprägungen zusammen – mit konzeptioneller Übervorteilung der Erstgenannten. Darin liegt die Kunstfertigkeit, Musik als emotionale Projektionsfläche zwischen Ausbruch und Innehalten.

Der Bandname MAHLSTROM ist treffend gewählt. Er transportiert, was den zwischen Nord- und Süddeutschland versprengten Vierer auf dem Albumerstling „MÆANDER“ umtreibt. Es sind gesellschaftliche Zwänge, strukturelle Entwicklungen und der Hass in den Köpfen. Die rau herausgeschrienen Texte muten oft fragmentarisch an, wie diffuse Gedankenketten; die klare Positionierung gegen Rassismus bleibt trotzdem ein hervorstechendes Attribut der Platte. Die lädt in ihrer Gesamtheit zur intensiven Rezeption ein. Musik für nebenbei, so ganz auf die Schnelle, ist nicht das Ding von MAHLSTROM. Damit liegen sie auf einer Wellenlänge mit Genrevertretern wie ESCAPADO, I NOT DANCE oder TORPEDO HOLIDAY.

Die wuchtigen instrumentalen Soundwälle werden mal bedächtig, mal rasant aufgetürmt. Wie viel Melodie in „MÆANDER“ steckt, offenbart sich erst allmählich. Unter der harten Schale verbirgt sich ein wandlungsreicher Kern mit durchdachten Wechseln von lauten und leisen Tönen. Bereits die ersten drei Beiträge, „Hyper-Normal“, „Werte Gemeinschaft“ und (vor allem) „Dawei“ versetzen in Staunen. Das eigentlich Bemerkenswerte aber ist, dass sich die Songstrukturen in der Folge nicht wiederholen. Geschuldet bleibt das dem Verzicht auf klassische Aufbaumuster von Strophe und Refrain – und einer Vielschichtigkeit, die hier das Chaos entfesselt („Frustschranke“) und dort sphärische Momente („Am Lachen vorbei“) schafft. Mit dieser Scheibe ist das Leben nicht nur hart, sondern schlicht die Härte.

Wertung: (8 / 10)

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