Live By Night (USA 2017)

„You realize to be free in this life, breaking the rules meant nothing. You have to be strong enough to make your own.“ – Joe Coughlin

Ben Affleck und der Gangsterfilm. Bei „The Town“ funktionierte es glänzend. Bei „Live By Night“ weniger. Der Grund ist Affleck selbst, der, so scheint es, sämtliche Zügel in der Hand halten wollte. Er tritt als Regisseur in Erscheinung, als Drehbuchautor, Produzent (neben dem Kollegen Leonardo DiCaprio) und Hauptdarsteller. Das geht selten gut. Häufig liegt die Selbstverliebtheit über Werken wie diesen. Dass Affleck ein fähiger Schauspieler und ein weit besserer Regisseur ist, hat der zweifache Oscar-Preisträger längst bewiesen. Nur fehlt es diesmal an Zurückhaltung – und einem überzeugenden Drehbuch. Die Adaption des Romans von Dennis Lehane („Mystic River“) wirkt episodisch, sprunghaft und nicht zuletzt unfokussiert. Mit der Konsequenz, dass innerhalb der rund 130-minütigen Spielzeit viel angerissen und wenig auserzählt wird.

Im Mittelpunkt stehen, neben der bemühten Anknüpfung an die großen Verbrecher-Epen der Kinohistorie, die Gefühlsbäder eines leidenschaftlichen Gesetzlosen. Der hört auf den Namen Joe Coughlin (Affleck), ist Kriegsveteran und stürzt sich im Boston des Jahres 1926 in eine gefährliche Liebschaft mit Emma Gould (Sienna Miller, „American Sniper“), dem Liebchen des irischen Gangsterbosses Albert White (Robert Glenister, „Hustle – Unehrlich währt am längsten“). Als sich Joe an einem Banküberfall beteiligt, der in den Tod mehrerer Cops mündet, kann ihn auch sein Vater (Brendan Gleeson, „Gangs of New York“), Vize-Präsident des städtischen Polizeiapparates, nicht schützen. Zumindest bewahrt der ihn aber vor der Rache Whites, der von Joes Verhältnis mit Emma erfährt und die Sache mit gebotener Unerbittlichkeit zu bereinigen gedenkt.

Drei Jahre später, nach verbüßter Haftstrafe, heuert Joe bei Mafia-Größe Maso Pescatore (Remo Girone, „Allein gegen die Mafia“) an. Mit dessen Unterstützung hofft er, White für die vermeintliche Ermordung Emmas richten zu können. Pescatore schickt Joe nach Florida, wo er den irischen Widersacher mit Partner Dion Bartolo (Chris Messina, „Argo“) aus dem Geschäft drängen soll. Die Kooperation mit einem lokalen Rum-Schmuggler führt dazu, dass sich Joe in dessen Schwester Graciela (Zoe Saldana, „Auge um Auge“) verliebt. Um weitere Unterstützung muss er bei Polizeichef Irving Figgis (Chris Cooper, „The Town“) werben, dessen Tochter Loretta (Elle Fanning, „Trumbo“) Hilfe beim Einstieg ins Filmgeschäft benötigt. Querelen mit dem Ku-Klux-Klan, der durch Schändung in den religiösen Fundamentalismus getriebenen Loretta  und der nur scheinbar ausgebootete White stürzen Joe aber in Konflikte, deren Lösung entgegen seines Naturells rigide Maßnahmen erfordern.

Selbst in der knappen Zusammenfassung wirkt der Plot aufgeblasen. Der Nebenschauplätze sind es zu viele, der auf Dramatik und große Gefühle setzenden Ausprägungen ebenso. Überhaupt krankt der mit sehenswertem Aufwand gestaltete Film an einer grundlegenden Übersättigung: Die Off-Kommentare nehmen mehr Raum ein, als erforderlich, die Dialoge wirken häufig gestelzt und das in zahlreichen Einstellungen zur Geltung kommende Gegenlicht wird ebenfalls überstrapaziert. Hinzu kommt der beinahe fahrlässige Umgang mit prominenten Darstellern, die sich im Rahmen ihrer überschaubaren Präsenzzeit kaum auszeichnen können. Der schier omnipräsente Affleck reißt das Gros der Szenen an sich, lässt häufig jedoch das Charisma vermissen, das seiner Rolle die notwendige Zerrissenheit zwischen großen Emotionen und großem Gangsterkalkül bescheren würde. Knackige Action-Intermezzi und die peripher angerissene Rassenproblematik können es kaum richten. Ein seltsam affektiertes und letztlich verdient geflopptes Halbwelt-Opus.

Wertung: 5.0 Stars (5,0 / 10)

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