Interview mit Japanische Kampfhörspiele (August 2016)

jaka-christof-2016In Ermangelung einer originellen Einstiegsfrage fangen wir gleich mit dem Wesentlichen an: Warum ist Deutschland bei den Olympischen Spielen in Rio so schlecht?

Christof: Werden die gerade ausgetragen? Schön, dass ich das auch mal erfahren darf!

Wäre Grind olympisch, wie groß wären eure Medaillenchancen?

Christof: Gleich null. Wir trainieren und dopen viel zu wenig, als dass wir gegen andere anstinken könnten. Außerdem ist das kein reiner Grind, den wir da machen.

Euer neues Album „The Golden Anthropocene“ steht in den Startlöchern. Was gibt es zum Entstehungsprozess der Platte zu erzählen?

Christof: Ganz ehrlich? Es lief im Grunde wie immer. Dass wir die Stücke übermäßig vorbereitet hätten, ist eine genauso dreiste Lüge wie, dass wir nachgefragt hätten, ob wir noch ein Album machen sollen. Wir haben es einfach gemacht. Ungefragt und weitestgehend ohne Plan.

Vor kurzem habt ihr mit Christian einen neuen Sänger vorgestellt, der Bony nach 13 Jahren ersetzt. Welche Auswirkungen hat das auf die Band?

Christof: Bisher nur positive. Wir proben mit sehr viel mehr Elan und blicken wieder positiver in die Zukunft. Frisches Blut tut gut. Mit Bony sind wir aber noch nicht fertig deswegen. Der macht u.a. weiterhin das Booking.

Auffällig ist bei „The Golden Anthropocene“ zunächst der englische Titel. Was sprach gegen die deutsche Variante?

Christof: „Das goldene Anthropozän“ klingt einfach nur steif steif steif. Nicht alles, was steif ist, ist schlecht. Bei Penis oder Sahne ist es ja schön, wenn die steif sind. Plattentitel müssen aber, auf Neudeutsch gesagt, einen gewissen Flow haben.

Textlich arbeitet ihr euch an den Übeln der modernen Welt ab. Welche aktuellen Entwicklungen lassen euch besonders an der Zurechnungsfähigkeit der Menschen zweifeln?

Christof: So beschränkt würde ich das nicht sehen bzw. will ich das nicht gesehen wissen. Es war nicht alles schlecht im Anthropozän – das werden unsere Nachfahren, die dann nicht mehr aus Fleisch und Blut sein werden, hoffentlich sagen können. Also, sagen können werden sie es wohl dank der schon heute handelsüblichen Sprachmodule, schön fände ich aber, wenn sie das auch denken könnten – und zwar selbständig! Was die Zurechnungsfähigkeit angeht, wird künstliche Intelligenz sicherlich zurechnungsfähiger sein als die organische.

japanische-kampfhoerspiele-the-golden-anthropoceneEinen Ausblick auf das Post-Anthropozän bietet ihr mit dem Song „Tag 1 nach den Menschen“. Wie weit sind wir als Menschheitskollektiv nach eurer Auffassung vom Totalkollaps entfernt?

Christof: Wenn man die Entwicklungskurven der letzten Jahrzehnte weiterdenkt, sind wir extrem nah dran. Die Frage ist nur, was nach den Menschen kommt, der totale Sieg der Technik über die Natur und damit auch über den allergrößten Teil des sogenannten Menschheitskollektivs, oder erstmal für längere Zeit nichts, was mit Technik und Kultur usw. zu tun hat. In „Tag 1 nach den Menschen“ wird eine technikfreie Zukunft gemalt, in „Posthumane Weltregierung“ das Gegenteil.

Verglichen mit früheren eurer Platten wirkt „The Golden Anthropocene“ ernster und politischer, auf musikalischer Ebene aber zugleich eine Spur zugänglicher. Wie würdet ihr die Entwicklung von JAPANISCHE KAMPFHÖRSPIELE über die Jahre zusammenfassen?

Christof: Es ist genauso, wie du es hier beschreibst. Das neue Album hat die Sprengkraft von 354 Hiroshima-Bomben. Also textlich. Musikalisch ist es für Metal-Verhältnisse recht anschmiegsam. Die Entwicklung führt also von unhörbarem Gelärme mit hirnloser Fun-Lyrik über halbgefährliche Spaßtexte, vorgetragen zu Gerade-noch-Musik hin zu den heutigen, in jeder Hinsicht sehr reifen JAKA, wie sie sich auf „The Golden Anthropocene“ präsentieren.

Besonders gelungen finde ich das auditive Abtauchen in „Weltorganismus“. Sind solche Extravaganzen planbar oder kommen sie als Spontaneingebung während der Produktionsphase auf?

Christof: Dies ist tatsächlich eine spontane Rettungsmaßnahme gewesen. Ursprünglich hatte dieser Track einen Text. Als wir uns dazu entschieden haben, den weg zu lassen, brauchte das Stück anstelle der Gesangslinien etwas anderes Organisches.

Wird es eine ausgedehnte Tour zur neuen Platte geben?

Christof: Nein.

Mit bahnbrechend neuen Fragen werdet ihr in Interviews vermutlich nicht konfrontiert. Gibt es etwas, das ihr schon immer einmal gefragt werden wolltet?

Christof: Ja. Und zwar brennen uns die Antworten auf die folgenden fünf Fragen schon seit längerem auf den Nägeln:

  1. Warum zum Teufel seid ihr nur solche Karriereverweigerer, warum so anpassungsgestört? Wie steht ihr zu der unterschwellig gestellten neoliberalen Forderung nach Fremdverwirklichung?
  1. Ein Künstler leidet ja schon zunftbedingt unter einer Intellektualismus-Intoleranz bzw. profitiert von einer solchen. Was wird bei JAKA größer geschrieben, Kunst oder Intellekt?
  1. Was findet ihr schlimmer? Unverhohlenen Rassismus oder verhohlenen?
  1. Zur Refaschistisierung nach Italien-Urlauben empfehlen führende Sozialpsychologen den Besuch einer Kirmes mit Autoscooter und Breakdancer und diesen Automaten, auf die man kloppen, und an denen man dann ablesen kann, wie behindert man selber ist. Geht es in JAKA-Texten, anders als viele Leute denken, weniger um Protest und Zeigefinger als darum, eine gewisse Demut beizubiegen, sprich um die Aufforderung, sich erstmal an die eigene Nase zu fassen, bevor man vollkommen unüberlegt herumkritisiert? Was haltet ihr von heillosem Drauflosgelaber?
  1. Wieso finden sich auf keinem eurer Alben denunzierende Begriffe wie Gutmensch, Wutbürger, Betroffenheitslinker, Jungleworldler etc.?

Und auch die abschließenden Worte gebühren euch:

Christof: Kommt bitte alle zahlreich zu den sehr vereinzelten Shows, die wir in nächster Zeit spielen. Alle Termine findet ihr auf www.unundeux.de. Bis bald!

Vielen Dank für das Interview! Beste Grüße, Thomas & HandleMeDown

Ich habe zu danken! Brauchst du noch ein Foto oder druckt ihr einfach das Cover oder gar kein Bild? Wenn ja, bis wann spätestens? Grüße, Christof

Vielleicht und nein. Wir bedienen uns meist einfach im Netz oder verweigern die Antwort, bis der Interviewte ein Selfie aus der Badeanstalt schickt!

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