Martin (USA 1977)Review von Thomas, 27.06.03 Der am 4. Februar 1940 in New York geborene Regisseur George Andrew Romero hat das Genre des Horrorfilmes geprägt wie kein zweiter seines Fachs. Sein für schlappe 150.000 Dollar unabhängig produziertes Kinodebüt "Night of the living Dead" aus dem Jahre 1968 gilt nicht nur als wegbereiter des Splatterfilmes, sondern wurde wie auch die grandiosen Fortsetzungen "Dawn of the Dead" und "Day of the Dead" ins Refugium des New Yorker Museum Of Modern Art aufgenommen, wo die sogenannte Zombie-Trilogie auch heute noch in regelmäßigen Abständen aufgeführt wird. 1977, im Vorfeld der Produktion zum Klassiker "Dawn of the dead" kreirte Romero mit einem minimalistischen Budgetrahmen und fast beschämend geringem Aufwand das exzentrische Kleinod "Martin", mit welchem der aufgrund seiner recht drastisch ausufernden Darstellung von Gewalt sehr umstrittene Independentfilmer dem angestaubten Thema des Vampirismus völlig neue Züge verlieh. Im einem Personenzug Richtung Pittsburgh betäubt der 18-jährige Martin (John Amplas) eine junge Frau in ihrem Abteil, um sich im Anschluß an ihr zu vergehen, indem er ihr mit einer Rasierklinge die Pulsadern durchtrennt und ihr Blut trinkt. Martin ist ein Vampir, jedoch kein Blutsauger im fast klassischem Sinne, gehüllt in einen wallenden schwarzen Umhang und ausgestattet mit mächtigen Fangzähnen und manipulativen Kräften, sondern schlicht ein neurotischer Junge mit dem krankhaften Gelüst nach menschlichem Lebenssaft. Am Zielbahnhof wird Martin von seinem weit über die sechzig hinaus gealterten Vetter Cuda (Lincoln Maazel) erwartet, welcher ihn in steter Folge mit Nosferatu betitelt und alles daran setzt, den im Grunde unerwünschten Gast auf Distanz zu halten. Cuda quartiert den verschwiegenen jungen Mann in seinem Hause ein, umgeben von Kruzifixen und Knoblauchzöpfen. Selbst der herzhafte Biss in die augenscheinlich schädliche Knolle und die innige Berührung eines der Kreuze im Domizil des gläubigen Cuda leisten wenig Überzeugungsarbeit bezüglich der Furcht des alten Mannes vor der angeblichen Magie des Anverwandten. Diese tiefe Verwurzelung in Aberglaube und Mythos bringt auch seine Enkelin Christine (Christine Forrest) gegen Cuda auf, welche ihrem Großvater und der Tristesse des kleinen Städtchens schließlich zugunsten ihres Freundes Arthur (Tom Savini) den Rücken kehrt. Als der Durst schier unerträglich wird, sucht sich Martin neue Opfer. In einer Radiosendung klagt er seine Seelenpein, doch ernst genommen wird er auch dort nicht. Erste sexuelle Erfahrungen und "nacktes Beieinanderliegen ohne Blut" beschert ihm eine unglücklich verheiratete Hausfrau (Elayne Nadeau), welche sich letztlich selbst das Leben nimmt, ohne das Martin für diesen Schritt verantwortlich wäre. Cuda schenkt dem selbst beigebrachten Ableben der Frau indes keinerlei Glauben, hatte er doch dem vermeintlichen Dämon in seinem Hause strikt verboten, seine Opfer der Gemeinde zu entreissen. So findet Martins Leben als letzte Konsequenz durch einen Pflock in Cudas Hand ein jähes Ende. George A. Romeros "Martin" ist eine vielschichtige und hintergründige Charakterstudie, welche im kreativen Schaffensprozess des Altmeisters leider zu oft im Schatten weitaus bekannterer und erfolgreicherer Werke verborgen bleibt. Dabei verleiht der Regisseur dem stereotypen Genre des Vampirfilmes völlig neue Facetten und legt gleichzeitig den Grundstein für spätere Werke ähnlich klischeefernen Inhaltes wie Guillermo Del Toros "Cronos", Abel Ferraras "The Addiction" oder Po-Chih Leongs "Die Weisheit der Krokodile". Romero steigert den Reiz seines Filmes allein durch die im Unklaren schwebenden Hintergründe von Martins seltsamer Krankheit, deren Ursprünge Cuda schlicht auf einen Familienfluch begrenzt. Aus diesem geistigen Konflikt zwischen einseitig folkloristischer Sicht der Dinge und der Verdrängung des in sich gekehrten Menschen hinter der Fassade des Nosferatu gewinnt Romero ein Höchstmaß an Tiefgang. Der Zuschauer muß der Grausamkeit von Martins Taten zum Trotze Mitleid für den sonderbaren Jungen empfinden und den erzkonservativen Cuda in die Rolle des Monsters hineintransferieren. Auf diese Weise spielt der Regisseur hervorragend mit Erwartungen und Emotionen des Betrachters und versteht es perfekt, die unbequeme Atmosphäre bis zum Schluß aufrecht zu erhalten. Um dies zu unterstreichen fügt George A. Romero bei Martins blutigem Tagewerk in schwarz/weiß gehaltene Handlungsfragmente im Stile Friedrich W. Murnaus "Nosferatu" ein, welche Handlungen und Reaktionen des Blutsaugers in "klassischem" Gewande reflektieren. Aus diesen beeindruckenden Kontrasten aus träumerisch verklärter Vision und ungeschönter Realität schöpft der Filmemacher die intensivsten Momente seines Werkes und offenbart allein durch diese stilistische Glanzleistung die enorme Ausdruckskraft seiner eindringlichen Bildsprache. Ein nicht unerheblicher Anteil daran geht auch auf das Konto des Kameramannes Michael Gornick, welcher später auch "Dawn of the Dead" und "Day of the Dead" photographieren sollte. Die ansprechenden darstellerischen Leistungen der Akteure tragen zudem ihren ganz eigenen Teil zur Funktionalität "Martins" bei, allen voran John Amplas ("Day of the Dead", "Toxic Zombies") in der Rolle der labilen Titelfigur. Des weiteren zeigen sich Lincoln Maazel, Romeros spätere Ehefrau Christine Forrest ("Knightriders", "Der Affe im Menschen"), Elayne Nadeau und Tom Savini ("Dawn of the Dead", "From dusk till dawn") am Geschehen beteiligt. Letzterer trug dabei einmal mehr die Verantwortung für die recht blutigen Effekte und festigte in der Folgezeit seinen Ruf vor allem durch die Fortführung der fruchtbaren Zusammenarbeit mit George A. Romero bei dessen Weitersinnierungen der Zombie-Filme. Darüber hinaus war Savini für die ultraharten Gewalteinlagen im in unseren Breitengraden noch immer beschlagnahmten vierten Teil der "Friday the 13th"-Reihe zuständig und legte im Jahre 1990 mit dem gelungenen Remake von "Night of the living Dead" zudem sein Regiedebüt vor, wobei Romero selbst bei diesem Projekt als Produzent fungierte. Beim Dreh zu "Martin" füllte diesen Posten übrigens Richard Rubinstein aus, der später auch "Dawn of the Dead" und "Day of the Dead" produzieren sollte und der sich in den letzten Jahren eher durch maue Horrorkost wie "Thinner" und "The Night Flyer", beide Adaptionen mehr oder weniger bekannter Werke aus der Feder Stephen Kings, hervortat. Dessen Roman "Stark-The dark half" wurde im Jahre 1993 übrigens von George A. Romero selbst verfilmt. Romeros "Martin" ist ein wahrlich beeindruckendes Werk, weil es sowohl als Gesellschaftsparrabel über Entfremdung und Einsamkeit, als auch als psychedelischer Schocker funktioniert. Dabei wird der Handlungsraum der Stadt Braddock als trostloses Pflaster vorgestellt, bei dem sich die gesamte Tristesse allein im Sinnbild des niedergebrannten Kirchengebäudes wiederspiegelt. Mit gemächlich fortschreitendem Erzähltempo spinnt George A. Romero ("The Crazies", "Bruiser") seine Studieüber den in sich gekehrten Jungen und verzichtet im Zuge dessen auch nicht auf eine ausgefeilte Darstellung der Triebbewältigung Martins. Um seinerzeit in den vereinigten Staaten einer X-Rated-Freigabe zu entgehen, mussten einige Szenen entschärft werden, darunter ein explizit zur Schau gestellter Gang einer Rasierklinge durch einen menschlichen Arm. Heutzutage ist das schwer zugängliche, intensiv gespielte Drama in Deutschland kaum noch zu bekommen, doch lohnt die Suche nach diesem Kleinkunstjuwel in jedem Falle. Autorwertung: 7.0 von 10 Punkten Leserwertung: N/A von 10 Punkten Only registered users may post a comment. There are currently no user submitted comments.
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Der am 4. Februar 1940 in New York geborene Regisseur George Andrew Romero hat das Genre des Horrorfilmes geprägt wie kein zweiter seines Fachs. Sein für schlappe 150.000 Dollar unabhängig produziertes Kinodebüt "Night of the living Dead" aus dem Jahre 1968 gilt nicht nur als wegbereiter des Splatterfilmes, sondern wurde wie auch die grandiosen Fortsetzungen "Dawn of the Dead" und "Day of the Dead" ins Refugium des New Yorker Museum Of Modern Art aufgenommen, wo die sogenannte Zombie-Trilogie auch heute noch in regelmäßigen Abständen aufgeführt wird. 1977, im Vorfeld der Produktion zum Klassiker "Dawn of the dead" kreirte Romero mit einem minimalistischen Budgetrahmen und fast beschämend geringem Aufwand das exzentrische Kleinod "Martin", mit welchem der aufgrund seiner recht drastisch ausufernden Darstellung von Gewalt sehr umstrittene Independentfilmer dem angestaubten Thema des Vampirismus völlig neue Züge verlieh. Im einem Personenzug Richtung Pittsburgh betäubt der 18-jährige Martin (John Amplas) eine junge Frau in ihrem Abteil, um sich im Anschluß an ihr zu vergehen, indem er ihr mit einer Rasierklinge die Pulsadern durchtrennt und ihr Blut trinkt. Martin ist ein Vampir, jedoch kein Blutsauger im fast klassischem Sinne, gehüllt in einen wallenden schwarzen Umhang und ausgestattet mit mächtigen Fangzähnen und manipulativen Kräften, sondern schlicht ein neurotischer Junge mit dem krankhaften Gelüst nach menschlichem Lebenssaft. Am Zielbahnhof wird Martin von seinem weit über die sechzig hinaus gealterten Vetter Cuda (Lincoln Maazel) erwartet, welcher ihn in steter Folge mit Nosferatu betitelt und alles daran setzt, den im Grunde unerwünschten Gast auf Distanz zu halten. Cuda quartiert den verschwiegenen jungen Mann in seinem Hause ein, umgeben von Kruzifixen und Knoblauchzöpfen. Selbst der herzhafte Biss in die augenscheinlich schädliche Knolle und die innige Berührung eines der Kreuze im Domizil des gläubigen Cuda leisten wenig Überzeugungsarbeit bezüglich der Furcht des alten Mannes vor der angeblichen Magie des Anverwandten. Diese tiefe Verwurzelung in Aberglaube und Mythos bringt auch seine Enkelin Christine (Christine Forrest) gegen Cuda auf, welche ihrem Großvater und der Tristesse des kleinen Städtchens schließlich zugunsten ihres Freundes Arthur (Tom Savini) den Rücken kehrt. Als der Durst schier unerträglich wird, sucht sich Martin neue Opfer. In einer Radiosendung klagt er seine Seelenpein, doch ernst genommen wird er auch dort nicht. Erste sexuelle Erfahrungen und "nacktes Beieinanderliegen ohne Blut" beschert ihm eine unglücklich verheiratete Hausfrau (Elayne Nadeau), welche sich letztlich selbst das Leben nimmt, ohne das Martin für diesen Schritt verantwortlich wäre. Cuda schenkt dem selbst beigebrachten Ableben der Frau indes keinerlei Glauben, hatte er doch dem vermeintlichen Dämon in seinem Hause strikt verboten, seine Opfer der Gemeinde zu entreissen. So findet Martins Leben als letzte Konsequenz durch einen Pflock in Cudas Hand ein jähes Ende.