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Deutschland. Ein Sommermärchen

Review von Thomas, 17.11.06


CoverDer WM-Sommer 2006 wird als Synonym für Nationalstolz in die deutsche Geschichte eingehen. Angenehmster Nebeneffekt der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land ist die Entkräftung nationalsozialistisch verwurzelter Vaterlandstreue. Endlich dürfen schwarzrotgoldene Fahnen ohne den faden Beigeschmack historisch ideologischer Verwerflichkeit geschwenkt werden. Was kein Politiker in der Nachkriegszeit zu leisten vermochte, gelang dem Kader der deutschen Nationalmannschaft. Mehr noch ihrem Trainer- und Betreuerstab, der die Jungs auf die Siegesstraße und Deutschland an den Rand des Ausnahmezustands führte. Die Welt schaute zu, wie sich die Bundesrepublik als perfekter Gastgeber präsentierte. Die inflationäre Floskel des ´Weltmeister der Herzen´ trifft hier ausnahmsweise zu. Weniger auf die Mannschaft, als vielmehr auf ein ganzes Volk.

Sönke Wortmann, der die Massen bereits mit dem Spielfilm „Das Wunder von Bern“ zu Tränen rührte, setzt mit „Deutschland. Ein Sommermärchen“ noch einen drauf. Mit einer Handkamera begleitete der Regisseur die Mannschaft vom Trainingscamp in Sardinien bis zu ihrer Danksagung an die Fans vor dem Brandenburger Tor. Mit unbeschränktem Zugang zu Spielern und Betreuern filmte er rund 100 Stunden Material. Reduziert auf knapp 120 Minuten ergibt das die Dokumentation einer Erfolgsgeschichte, die mit dem Sieg im Spiel um Platz drei für eine ganze Nation versöhnlich endete. Der Einstieg greift das Stimmungstief nach dem verlorenen Halbfinale gegen den späteren Titelgewinner Italien auf. In ihrer Enttäuschung aufgelöste Spieler, ein Trainer mit tröstenden Worten. Jürgen Klinsmann ist einer der großen Gewinner des Turniers. Im Vorfeld ob seiner fast revolutionären Personalpolitik heftig kritisiert, ist er der Vater dieser märchenhaften Erfolgsgeschichte.

„Deutschland. Ein Sommermärchen“ ist kein Film über ein Land im kollektiv emotionalen Taumel, sondern eine ungeschminkte, oft urkomische Schilderung der Geschehnisse aus Sicht der Spieler. Wortmann verzichtet auf Kommentare und reiht die Bilder in ihrer nackten Augenblicklichkeit aneinander. Das unterhält prächtig, verliert darüber aber nie die Sachlichkeit aus den Augen. Das unterstreichen gerade die weniger erheiternden Augenblicke: Statements der Torwartkonkurrenten Oliver Kahn und Jens Lehmann, die Diskussion über Vor- und Nachteile der Verabschiedung in Berlin, nicht zuletzt die Sperre von Torsten Frings im Zuge der Übergriffe nach dem Elfmeterkrimi gegen Argentinien. In der Gesamtheit seines Werkes hilft Wortmann den Sommer 2006 in der Erinnerung lebendig zu halten. Und das dürfte, wie schon der Verlauf der Weltmeisterschaft an sich, auch den größten Fußballmuffel berühren.


Autorwertung: 8.0 von 10 Punkten
Leserwertung: N/A von 10 Punkten

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