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Der Kaufmann von Venedig

Review von Julian, 05.05.05


CoverShakespeare-Verfilmungen sind so alt wie der Film selbst. Wieder und wieder werden Stücke wie „Romeo und Julia“ oder „Hamlet“ neu interpretiert und verfilmt. „Der Kaufmann von Venedig“ ist mit um die 20 Verfilmungen, die erste von 1908, noch eines der weniger beachteten Stücke des Dichters aus Stratford-Upon-Avon. 2004 schien es mal wieder an der Zeit für eine Verfilmung des klassischen Dramas zu sein.

Venedig im ausklingenden 16. Jahrhundert. Bassanio (Joseph Fiennes – „Shakespeare in Love“) ist verliebt. Leider reicht sein Vermögen nicht aus um der erwählten Portia (Lynn Collins – „30 über Nacht“) standesgemäß den Hof zu machen. Daher wendet er sich an seinen Freund und Gönner, den wohlhabenden Kaufmann Antonio (Jeremy Irons – „Lolita“). Dessen gesamtes Vermögen ist jedoch an die Ladungen seiner Schiffe gebunden, mit denen er überall in der Welt Handel treibt. Um dem Freund die nötigen 3000 Dukaten geben zu können, leiht sich Antonio den Betrag von dem jüdischen Geldverleiher Shylock (Al Pacino – „Der Pate“). Dieser fordert zwar keine Zinsen, verlangt jedoch, dass er sich ein Pfund pures Fleisch aus Antonios Körper schneiden darf sollte dieser nach drei Monaten die Schulden nicht beglichen haben. Als diese Frist verstrichen ist und keines von Antonios Schiffen den Hafen von Venedig erreicht hat, besteht Shylock auf dem geschlossenen Vertrag...

Regisseur Michael Radford („B. Monkey“) setzt seine multinationale Koproduktion im Rahmen der Möglichkeiten um. Offensichtlich wurde viel Liebe und Mühe aufs Detail im Kostümbild und im Produktionsdesign verwendet, was kombiniert mit einer sehr ruhigen Kameraführung und stimmigen Musikunterstreichungen zu einer beinahe barocken Atmosphäre führt. Leider fällt in diesem Zusammenhang verstärkt auf, wo vermutlich gespart werden musste. So verzichtet der Film beinahe vollständig auf große Menschenansammlungen, was vor dem Hintergrund der Grundstimmung allerdings leicht verziehen werden kann.

Schauspielerisch bildet sich ein Wechselbad der Gefühle. Joseph Fiennes hat offensichtlich in der Schauspielschule gut aufgepasst und weiß daher, dass nachdenkliche Pausen ein Stilmittel sind, das man gar nicht oft genug einsetzten kann. Das wird auf die Dauer etwas anstrengend, geht jedoch vor dem Hintergrund der Leistungen der beiden Hauptdarsteller gottseidank deutlich unter.

Jeremy Irons mimt Antonio sehr eindrucksvoll. Er trägt den inneren Konflikt von Gesetzestreue einerseits und der blanken Angst andererseits äußerst eindrucksvoll nach außen. Es bleibt unverständlich, warum ein Schauspieler von seinen Qualitäten ist letzter Zeit um jede halbwegs erträgliche Rolle kämpfen muss, als wäre er ein Mime mit dem Talent eines Baywatch-Statisten. Auch für diese Rolle war er nicht die erste Wahl.

Al Pacino zeigt als Shylock endlich mal wieder, welches Können in ihm steckt. Nach einigen relativ uninspirierten Filmen wie „Der Einsatz“, in denen er zwar nie schlecht spielt, aber offensichtlich auch keine Lust hat sich in irgendeiner Form anzustrengen, geht er hier völlig aus sich heraus. Die stärkste Szene des Films ist, wenn ein vom wütenden Mob völlig unbeeindruckter Shylock im Gerichtssaal sein Messer zuckt und es, noch während die Verhandlung läuft, genüsslich an einem Lederriemen wetzt.

Dabei gelingt es Pacino dennoch Shylock – sicherlich kein Sympathieträger – als Produkt seiner Umwelt darzustellen. Der ganze Film ist auf diesen Aspekt ausgerichtet. Dies schlägt sich schon zu beginn nieder, wenn durch Einblendungen auf die Lebensbedingungen der Juden im Venedig des 16. Jahrhunderts hinweisen – immerhin der fortschrittlichste Stadtstaat seiner Zeit. Shylocks gesamtes Auftreten ist geprägt durch das immer wiederkehrende Motiv des roten Huts, der von Juden als Erkennungszeichen getragen werden musste, sobald sie das Getto, den einzigen Bereich in dem sie leben durften, verließen. Er trägt ihn auch, als er in einem Monolog die völlige Unsinnigkeit einer Unterscheidung zwischen Christen und Juden erklärt. Vermutlich versucht Radford so die shakespeare’sche Figur, die so lange als Stereotyp für den brutalen, herzlosen Juden herhalten musste, zu rehabilitieren. Es gelingt.

Summa summarum ist Michael Radford eine solide Shakespeare-Verfilmung gelungen, die weniger durch ihre übermäßig originellen Einfälle überzeugt, als durch ihre anteilig vorzüglichen Darsteller. Insgesamt durchaus sehenswert.


Autorwertung: 7.0 von 10 Punkten
Leserwertung: N/A von 10 Punkten

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