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Menschenfeind

Review von Christian, 12.06.04


CoverAnlässlich der Veröffentlichung via DVD und Video von Gaspar Noe´s Skandalfilm „Irreversible“, entschieden sich findige Verleiher nun auch dessen Vorgänger „Seul contre tous“ (dt. Titel „Menschenfeind“) zu veröffentlichen. Auch dieser Film aus dem Jahre 1998 unterstreicht Noe´s Status als Filmemacher mit Hang zum Kontroversen und ist ähnlich schwer zu verdauende Kost wie sein letztes Werk. Zwar verlangt er seinem Betrachter nicht ganz so viel ab wie „Irreversible“ es tut, was schon allein daran liegt, dass hier die Nerven auf optischer Ebene noch nicht so überansprucht werden wie etwa vier Jahre später mit eben jenem „Irreversible“ geschehen. Drehende und sich permanent ändernde Kameraläufe hat man hier nicht zu befürchten, doch weiß Noe auch, wie er den Blick des Zuschauers immer gebannt Richtung Leinwand halten kann. Erzählt wird hier die Geschichte eines Metzgers (Phillipe Nahon), der sich sein ganzes Leben lang alleine durchschlagen musste da seine Eltern früh starben. Eine ungewollte Schwangerschaft machte ihn zum Vater, was ihn letztendlich für einige Jahre ins Gefängnis brachte, nachdem er die erste Periode seiner Tochter für eine Vergewaltigung hielt und im Eifer des Gefechtes den Erstbesten niederstach. Nach seiner Inhaftierung lernt er eine neue Frau kennen, auch diese wird schwanger, man zieht weg aus Paris nach Lille. Sie hat Geld, mit der sie ihm eine neue Zukunft (Metzgerei) sichern möchte. Doch wieder hält die Gewalt Einzug in sein Leben und nach einer brutalen Auseinandersetzung mit seiner Freundin muss er Lille verlassen und kehrt nach Paris zurück. Dort angekommen und mit nichts außer wenigen Hundert Franc in der Tasche, werden seine Pläne auch dort rasch getrübt, denn die wirtschaftliche Lage macht es ihm schwer einen Job zu finden.

Auch die Optik von „Menschenfeind“ ist nicht das, was als gängig bezeichnet werden kann, es wird hier häufig mit großen Einblendungen der Hauptfigur gearbeitet und sobald man einmal kurz zur Ruhe gekommen ist, wird man von einem peitschenden Schuss aus der Versenkung gerissen, der zusätzlich an die Aufmerksamkeit des Zuschauers appellieren soll. Während sich einem die Handlung von „Irreversible“ erst im Laufe der Zeit durch dessen rückwärts erzählende Geschichte erschloss, hat man es bei „Menschenfeind“ leichter. Nach einer kurzen und in unbeweglichen Bildern dargestellten Einführung durch die ersten fünfzig Jahre der Hauptfigur wird keine stringente Geschichte erzählt, der Film setzt vielmehr dann plötzlich ein und zeigt den nüchtern betrachtet unverständlichen Weg und kranken Geist einer vom Leben nicht glücklich gepeitschten Figur. Phillipe Nahon („Der Pakt der Wölfe“, „Die purpurnen Flüsse“) verkörpert diesen Menschen, den Metzger, der früh seine Eltern verlor, sich alles erarbeiten musste, ungewollt Vater wurde und in falscher Gewissheit einen Menschen unbegründet niedersticht. Dafür muss er berechtigterweise sitzen, ein neues Leben scheint sich in Form einer neuen Freundin, einer daraus resultierenden Schwangerschaft der Frau sowie der Aussicht auf eine eigene Metzgerei abzuzeichnen. Doch frisst Hass, Unverständnis und offenkundige Abneigung gegen alles und jeden dieses kleine Pflänzchen Hoffnung schnell auf und was bleibt sind größtenteils Hasstiraden, Gewaltausbrüche und sexuelle Perversionen. Philippe Nahon, der auch diese Figur schon in anderen Filmen von Gaspar Noe verkörperte, mimt das kranke Stück Fleisch mehr als beeindruckend, zu sehen von ihm ist meist in großen Einstellungen nur sein Kopf. Man lernt ihn als verschlossenen, ruhigen und eher normalen Menschen kennen, dessen aus dem Off erzählte Gedanken und Pläne jedoch letztendlich in Hass, Gewalt und Perversionen zum Ausdruck kommen. Dies endet nicht immer in solchen drastischen Szenen wie sie teilweise unendlich erscheinend in „Irreversible“ gezeigt wurden, doch gibt es auch in „Menschenfeind“ zwei, drei Szenen in denen man schon Schlucken muss, allen voran die „Trennung“ von seiner Freundin samt Kind bringt Nahon recht drastisch über die Bühne. So geht Noe mit seinem verzweifelt erscheinenden Charakter über neunzig Minuten einen wohl nicht pessimistischer und depressiver sein könnenden Weg, in denen die Hauptfigur meist allein mit dem Zuschauer zu sein scheint und ihm über sein Leben und seine Gedanken erzählt. Diese entwickeln sich nach anfänglichem Optimismus jedoch schnell zu einem einzigen Geschwülst aus Hasstiraden, das in einem wohl nicht abzuwendenden Drama zu enden scheint. Doch Noe setzt den von Beginn an eingeschlagenen depressiven und vernichtenden Weg nicht bis zum Ende fort, sondern schweift plötzlich wenige Meter vor dem Ziel ein wenig ab. Ich hätte mir das negativere Ende gewünscht, da dies die an sich logische Konsequenz gewesen wäre, denn so zieht Noe den Schlag in die Magengrube nicht voll durch. Dennoch ist auch „Menschenfeind“ ein Film den man gesehen haben sollte, doch auch hier sollte man sich auf einiges gefasst machen.


Autorwertung: 8.0 von 10 Punkten
Leserwertung: N/A von 10 Punkten

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