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Chihiros Reise ins Zauberland

Review von Thomas, 22.11.03


CoverAls Regisseur Hayao Miyazaki bei der diesjährigen Oscarverleihung die prestigeträchtige Trophäe in der Kategorie des besten Animationsfilmes für sein Meisterwerk "Spirited Away" in Empfang nehmen konnte, bedeutete dies für die emsige japanische Zeichentrickikone wie auch für das renomierte Studio Gibli das Ende einer langen Reise zu endgültiger künstlerischer Anerkennung durch das Kino des Westens. Doch bildet die Erlangung des hollywood´schen Statussymboles lediglich die Spitze jenes Eisberges, welcher unter dem Titel "Chihiros Reise ins Zauberland" zudem als erste abendfüllende Kinoanimation überhaupt den Goldenen Bären der renomierten Berliner Filmfestspiele für sich beanspruchen konnte, sowie gleichwohl Miyazakis in Gestalt von "Prinzessin Mononoke" vier Jahre zuvor aufgestellten Einspielrekord in der japanischen Heimat im Handstreich zu überflügeln vermochte. So erfährt der asiatische Trickfilm-Magier mit "Chihiros Reise ins Zauberland" nun endlich auch in unseren Breiten die längst verdiente Anerkennung, die durch Disneys katastrophale Auswertung des meisterlichen "Prinzessin Mononoke" fast kaum mehr für möglich gehalten wurde. Trauer umgibt die zehnjährige Chihiro, muß sie doch aufgrund der familiären Umsiedelung im Zuge eines Jobwechsels des Vaters ihrer liebgewonnenen Heimatstadt und ihren Freunden den Rücken kehren. Allerdings verläuft die Reise anders als geplant, entpuppt sich der Ort eines eingeräumten Zwischenstopps, genauer ein verlassener Vergnügungspark, doch als geisterhafte Parallelwelt. Diese, bevölkert von seltsamen Fabelwesen und anderen geheimnisvollen Kreaturen wird beherrscht von der durchtriebenen Hexe Yubaba, die Chihiros Eltern nach der Vertilgung ihr zugedachter Opfergaben kurzerhand in Schweine verwandelt. Mit tatkräftiger Unterstützung des undurchsichtigen Jungen Haku bekommt Chihiro eine Anstellung in Yubabas Badehaus, einem Kurort für spirituelle Wesen. Ohne klare Vorstellungen der elterlichen Errettung fügt sich Chihiro in ihr Schicksal. Dabei schließt das tapfere Mädchen nicht nur Freundschaft mit dem verschwiegenen Geist Ohngesicht, sondern muß neben der Erwehrung durch die Torturen Yubabas auch unzählige Abenteuer bestehen, in denen die nicht minder undurchschaubare Zwillingsschwester der herrschsüchtigen Magierin eine entscheidende Rolle einnimmt. "Spirited Away" verbindet auf wunderbar farbenfrohe und phantasievolle Weise Mythos und Märchen, Fabel und Fantasy und untermauert die unterschwelligen Weisheiten mit ihrem steten Verzicht auf plump schulmeisternde Veranschaulichung von moralischen Wertvorstellung durch den typisch asiatischen Kanon der Freundschaft und Aufopferung. Mit subtilem Humor und skurrilen Figuren garniert, versprüht Hayao Miyazakis ("Heidi", "My Neighbor Tuturo") liebevoll animiertes Anime-Kunstwerk einen warmherzigen Reigen aus Farbenvielfalt und inhaltlicher Komplexität. Anbei präsentiert sich das geschickt verwobene Handlungsgefüge als unvorhersehbar, Miyazaki gewinnt einen gehörigen Teil der aufgebauten Atmosphäre aus der steten Ungewissheit des Publikums. Jenes taucht Über die Dauer von zwei mehr als Stunden ein in eine kunterbunte Welt voller Überraschungen und Geheimnisse, die ihren unermesslichen Reiz nicht zuletzt durch die vage Befremdlichkeit des aufgezeigten Geisterreiches vollends auszuschöpfen versteht. Denn "Chihiros Reise ins Zauberland" erscheint wie ein pulsierender, mit Leben ausgefüllter Traum, fremdartig und faszinierend zugleich. Die Figuren erscheinen bisweilen suspekt, in ihrem äusseren Erscheinungsbild ungewohnt und fremdartig, doch resultiert gerade aus diesem formalen Novum ein nicht unerheblicher künstlerischer Vorteil der asiatischen gegenüber der westlichen Trickfilmkunst. In diesem Zusammenhang erscheint die deutsche Freigabe ohne Altersbeschränkung etwas verwunderlich, dürfte "Spirited Away" ganz kleine Zuschauer in seiner Thematik und Umsetzung eher überfordern. Darüber hinaus ergeben sich gefühlvolle Augenblicke mehr aus distanzierten Totalen, was die wohltuend nüchterne Bildsprache im japanischen Film einmal mehr vor die Emotionalität der Charaktäre stellt. Für deren deutsche Stimmgebung konnten denn auch wohlklingende Namen wie Sidonie von Krosigk ("Bibi Blocksberg") und Rock-Röhre Ninna Hagen verpflichtet werden, obschon auch hier die Originalfassung mit Untertiteln gemäß der Erfahrung empfehlenswerter erscheinen. "Chihiros Reise ins Zauberland" ist ein Trickfilm mit Anspruch, ein wahrer Augenschmaus für große und kleine Zuschauer. Zwar erscheint die dezente Einführung in die spirituelle Welt Japans für westliche Gemüter etwas gewöhnungsbedürftig, doch offenbart dieses immer bodenständige und feinfühlig Aufbereitete Meisterwerk trotz den Rahmen der Gewohnheit sprengender Ausmaße eine selten erlebte Symbiose aus kunstvoller Animationskunst und atmosphärisch dichter Geschichte.


Autorwertung: 9.0 von 10 Punkten
Leserwertung: N/A von 10 Punkten

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