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Saosin (Interview November 2006)



Die Erfolgsgeschichte von SAOSIN liest sich beinahe wie aus dem Märchenbuch. Nach gerade einmal zwei veröffentlichten EP's wird „Capitol Records“ auf die Band aus Kalifornien aufmerksam und die Arbeiten zum selbstbetitelten Debütalbum beginnen. Dieses erscheint 2006 und nimmt beinahe spielend locker die Top20-Markierung. Wie würde aufgrund des raschen Erfolgs das Auftreten der Band im Rahmen der „Taste of Chaos“ sein? Überheblich, voller Rockstar-Allüren? Genau das Gegenteil ist der Fall, als Sänger Cove Reber nach kurzer Wartepause zu uns stößt. Er wirkt fast schüchtern, die Kapuze seines Pullovers tief ins Gesicht gezogen. Nervös kratzt er am Tisch, schaut uns nicht einmal groß an. Fragende Blicke unsererseits, dies soll es also werden? Doch wieder überrascht der schmächtige Frontmann und beginnt einen mehrere Minuten anhaltenden Monolog über das aktuelle Tourleben. Langsam kommt der junge Mann in Fahrt.

„Diese Tour ist etwas ganz besonderes für uns. All die Bands mit denen wir hier spielen dürfen, schon eine ganze Zeit zusammen sind und in mehreren Ländern waren. So etwas werden wir sicherlich nicht noch einmal erleben. Wir sind hier mit TAKING BACK SUNDAY, eine meiner absoluten Lieblingsbands, die mich inspirieren und wir stehen hier mit ihnen auf der Bühne. Dazu UNDEROATH und auch ANTI-FLAG, beides großartige Bands. Spencer (UNDEROATH) und ich sind sehr gute Freunde, es ist einfach toll hier jeden Tag mit diesen Menschen zu verbringen. Da Fred von TAKING BACK SUNDAY aus familiären Gründen vor wenigen Tagen schon nach Hause musste, werden heute mehrere Mitglieder der anderen Bands aushelfen. Beau und Justin spielen die Gitarrenparts von Fred, dazu werden Spencer und Aaron von UNDEROATH singen und auch ich darf ein paar Songs lang mit TAKING BACK SUNDAY auf der Bühne stehen. Das sagt eigentlich schon alles über den Zusammenhalt auf dieser Tour aus.“ Und fast im gleichen Atemzug fügt er hinzu: „Mit TAKING BACK SUNDAY! Das sind die Helden meiner College-Zeit.“

Man nimmt ihm seine Äußerungen ohne weiteres ab. Im Backstage-Bereich geht es zu wie bei einer großen Familienfeier, es wird zusammen gegessen, gelacht und mit dem Ball (!) gespielt. Zwischendurch schauen auch mal Spencer von UNDEROATH oder Chris Head von ANTI-FLAG vorbei, mit denen er kurz kommuniziert. Und nach und nach taut Cove weiter auf, nimmt häufiger Blickkontakt auf, gestikuliert, springt unvermittelt auf nur um zu zeigen, wie der ehemalige SAOSIN-Sänger Anthony Green ihn begrüßte, nachdem klar war, dass er das Mikrofon bei SAOSIN übernimmt. Viele Fragen muss man ihm nicht stellen, er beschränkt sich darauf mit seinen ausgiebigen Antworten bereits jede weitere Fragen vorwegzunehmen. Gerade auch im Hinblick auf Anthony Green. „Anthony war und ist ein anderer Mensch als ich. Er hatte Probleme und konnte nicht mehr in der Band sein. Ich hatte das Glück und darf nun in dieser Band spielen, was das Größte für mich ist. Anthony und ich sind immer noch mehr als gute Freunde, wir sehen uns häufig und wenn, dann ist es nicht so, als wenn er mir meinen Posten in der Band nicht gönnt, neidisch ist oder sonst etwas. Das macht es mir natürlich auch einfacher, denn wir waren auch vorher schon Freunde. Nur als wir uns das erste Mal sahen, nachdem ich als Sänger der Band feststand, hatte ich ein wenig Angst. Er kam zielstrebig auf mich zu, hielt nur wenige Zentimeter vor meinem Gesicht an und ich dachte: jetzt knallt er mir eine. Stattdessen nahm er mich fröhlich in den Arm. So ist halt Anthony.“ Es folgt die bildliche Darstellung wie oben beschrieben.

Der Weg der beiden EP's hin zum Album wird Fans der ersten Stunde vielleicht ein wenig aufstoßen, schließlich ist das Debütalbum SAOSIN's klarer ausgefallen, die Schreiparts wurden fast gänzlich gegen klareren Gesang ausgetauscht. Dies jedoch ist nicht auf die Einmischung des Labels und kommerziellem Kalkül zurückzuführen. „Beau und Justin sind für den Großteil der Songs verantwortlich, sie sind unglaubliche Musiker. Sie haben so viel Talent, nicht umsonst spielen sie heute die Songs von TAKING BACK SUNDAY. Ihr werdet es später sehen! Aber mit ihnen zusammenzuarbeiten ist manchmal schon hart. Beide wollen alles möglichst perfekt haben, was nicht immer leicht ist. Aber trotzdem macht es Spaß, mit ihnen zu arbeiten. Wie es vorher war kann ich natürlich nicht sagen, da ich erst mit dem Album zur Band gestoßen bin, aber es hat sich - denke ich - nicht viel verändert. Beide haben wie vorher auch die Stücke kreiert, natürlich habe ich einen anderen Gesangsstil, aber das das Album vielleicht ein wenig anders klingt als die EP's, hat nichts mit der Plattenfirma zu tun. Wir haben die Dinge gemacht auf die wir Lust hatten, die wir wollten. Unser Label hat uns auch Arbeit abgenommen, aber da ging es weniger um die Musik, sondern mehr um das Drumherum. Der Erfolg kam für uns völlig überraschend, ich meine das ernst. Wir haben das nicht erwartet. Das es jetzt so gekommen ist freut uns, aber so wirklich können wir das noch gar nicht glauben.“

Cove verliert sich in der Folge in einem wahren Redeschwall, der durch einen länger anhaltenden Hustenanfall jäh unterbrochen wird. Nachdem wir schon ein wenig Angst hatten, den heutigen Auftritt von SAOSIN auf dem Gewissen zu haben, fängt er sich und fährt fort: „Dass um uns jetzt so ein Medienhype gemacht wird, ist schon ein wenig beängstigend. Aber wir machen uns da nicht viel draus, man darf es einfach nicht zu sehr an sich ran lassen. Ich persönlich habe auch gar keine Lust, mich als Rockstar oder ähnliches auszugeben. Ich mache die Sache, die mir am meisten Spaß macht, und dabei werde ich wohl solange in meinem Shirt hier rumlaufen, bis es mir vom Körper fällt.“ Und dabei nestelt er an seinem Kaputzenpulli herum, um zumindest wenige Zentimeter des besagten Shirts freizulegen. Alles in allem ein sehr sympathischer, wenn auch ziemlich aufgeregter junger Mann, dem man auf Grund des Strahlens in den Augen auch die letzte Aussage abnimmt, die so eigentlich schon diverse Euro ins Phrasenschwein der Redaktion hätte bringen müssen. Und dann waren knappe 30 Minuten Interviewzeit auch schon vorbei, die anfangs nur nach maximal 5 Minuten aussahen. Der Auftritt später ging ohne Komplikationen und Hustenanfälle locker von der Hand, was die Redakteure wieder ein wenig beruhigte. Und für den Auftritt mit TAKING BACK SUNDAY war auch noch Luft.

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