Green Room (USA 2015)

An der schauspielerischen Wandlungsfähigkeit von Patrick Stewart bestand nie ein Zweifel. Schließlich ist der Brite nicht nur ein geachteter Bühnen- und Charakterdarsteller, sondern auch „X-Men“-Vorsteher und (Ex-)„Star Trek“-Kapitän. Dass dem sympathischen Alt-Star auch Schurkenrollen liegen, bewies er u. a. in „Fletcher‘s Visionen“ (1997). Die Verkörperung des brutalen Neo-Nazis Darcy Banker im Thriller „Green Room“ bedeutet aber auch für den 2001 zum Ritter geschlagenen Allrounder Neuland. Denn abgründiger und kompromissloser als in Jeremy Saulniers („Murder Party“) düsterem Schocker sah man Stewart nie zuvor.

Am Ende einer Tour stehen die Underground-Punks der Band „The Ain’t Rights“ ohne Geld da. Den Sprit für ihren Van zapfen sie aus parkenden Autos ab und wenn es sein muss, werden Konzerte auch gegen Essen gespielt. Das kurzfristige Angebot, in einer abgelegenen Skinhead-Kneipe aufzutreten, nehmen die Musiker widerwillig an. Dass die grundlegende Skepsis angebracht ist, wird jedoch erst nach ihrem Gig ersichtlich. Denn als sie zufällig Zeuge eines Mordes werden, wollen die Verantwortlichen auch ihnen ans Leder. Sänger Tiger (Callum Turner, „Assassin’s Creed“), Gitarristin Sam (Alia Shawkat, „Night Moves“), Drummer Reece (Joe Cole, „Peaky Blinders“) und Bassist Pat (Anton Yelchin, „Odd Thomas“) verschanzen sich mit Zeugin Amber (Imogen Poots, „Need for Speed“) und einer Geisel im Backstage-Raum.

Geschickt variiert Saulnier klassische Motive des Westerns. Das ist nicht neu, schließlich verarbeitete John Carpenter die Grundidee von „Rio Bravo“ (1959) bereits 1976 für seinen vergleichbar angelegten Thriller „Das Ende – Assault on Precinct 13“. Dennoch ist „Green Room“ ein bemerkenswerter Film, weil Klischees – und damit unweigerlich auch die Erwartung des Zuschauers – geschickt untergraben werden. Dabei hilft, dass die Gebäudestruktur der Nazi-Kneipe und mit ihr eventuelle Fluchtwege nur zögerlich offenbart werden. Dass die Angelegenheit nicht ohne Blutvergießen bereinigt werden kann, wird spätestens mit dem Auftauchen von Stewarts emotionslos taktierendem Anführer klar. Zwar verspricht er den Eingeschlossenen freies Geleit, was davon zu halten ist, muss Pat jedoch am eigenen Leib (oder besser Arm) erfahren. Bloß gut, dass es Panzerband gibt.

Obwohl „Green Room“ durchaus den Tatbestand des Backwood-Horrors erfüllt, geht die Independent-Produktion kaum als traditionelles Genre-Vehikel durch. Der zunehmend nervenzerrende Thriller interessiert sich mehr für die glaubhafte Auslotung der für beide Parteien bestehenden Optionen als ein konventionelles Blutbad. Heftig geht es beim sich beständig zuspitzenden Überlebenskampf zwar zu, wenn Kampfhunde und letztlich auch Schusswaffen zum Einsatz kommen, ungeachtet vereinzelt derber Gewaltdarstellungen steht der Gore-Anteil aber nie im Mittelpunkt. Als größte Überraschung mag daher auch der unspektakuläre Anstrich erscheinen, der das Tempo bewusst gedrosselt hält und der sehenswerten Besetzung – darunter auch Macon Blair, Hauptdarsteller aus Saulniers Vorgängerwerk „Blue Ruin“ – ausreichend Raum zur Entfaltung bietet. Ein grimmiger, einfallsreich visualisierter Trip in die menschlichen Niederungen.

Wertung: 7.0 Stars (7,0 / 10)

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