Die Passion Christi (USA 2004)

die-passion-christiSeit der streng gläubige Hollywood-Star und Oscar-bedachte Regisseur Mel Gibson verlauten ließ, er werde sein Projekt über den Tode Jesu Christi fernab des vorherrschend romantisierenden Pathos vergangener kinematographischer Beiträge zum Thema aufsetzen, spaltet „Die Passion Christi“ die westliche Welt. Einer eigens auferlegten Bestimmung folgend, ironischerweise schier überstrapaziertes Begleitgut seiner kassenträchtigen Rollen in „Braveheart“ und „Der Patriot“, verwirklichte der australische Filmemacher den Leidensweg des Gottessohnes bei tosendem Gegenwind von Klerus und Kritikern. Dabei beginnt er mit der Festnahme im Garten von Gethsemane und begleitet den Heiland akribisch nah an den vier Evangelien des neuen Testamentes mit den modernen Mitteln des Hollywoodkinos in den Tod.

Um dieses wagemutige Unterfangen in einem glaubhaften Licht erscheinen zu lassen, verpflichtete Gibson ausschließlich unverbrauchte bis unbekannte Gesichter und durchbricht das eng geschnürte Korsett archetypischer Genreschemata allein durch die untertitelte Sprachfassung in Latein, Hebräisch und Aramäisch. Die visuell bestechende Bildsprache erweist sich trotz vollster Ausschöpfung technischer Behelfsmittel nicht als seduktiv, sondern in ihrem quälenden Realismus schockierend und verstörend. Denn die von Caleb Deschanel („Anna und der König“) virtuos geführte Kamera wendet den Blick nicht ab. Selbst dann nicht, wenn Christus (Jim Caviezel, „Der schmale Grat“) von den römischen Besatzern im Auftrag des Provinzhalters Pontius Pilatus (Ivano Marsecotti, „Hannibal“) vor den Augen seiner Mutter Maria (Maia Morgenstern, „Nostradamus“) und Maria Magdalena (Monica Bellucci, „Irreversible“) gegeißelt und gepeinigt wird, bis sich das Fleisch in losen Fetzen vom geschundenen Leib des Erlösers schält.

Der Film ist Tortur nach christlicher Heilslehre, wie auch der durch fortwährende Misshandlungen und Erniedrigungen geprägte Aufgang zur Kreuzigungsstätte Golgatha zeigt. Jeder Stockstreich, jeder Peitschenhieb und jeder auf die durch Hände und Füße getriebenen Nägel herniederfahrende Hammerschlag pressen den Zuschauer atemlos in den Kinosessel und brennen die ungeschönte Grausamkeit der bluttriefenden Bebilderung augenblicklich tief ins Gedächtnis ein. Ob diese radikale und schonungslose Art der Gewaltdarstellung zur Veranschaulichung des quälenden Martyriums Christi jedoch eine derart drastische Aufzeichnung erfahren muss, sei an dieser Stelle kategorisch unbeantwortet dahingestellt. Denn die eigentliche Angriffsfläche der Kritik resultiert doch vielmehr aus der bestialischen Unmenschlichkeit der vor Augen geführten Handlungskette, die regelrecht zornig macht und  beinahe automatisch gegen das Volk Israels gerichtet wird.

Zwar schottet sich Regisseur und Autor Mel Gibson durch seine detailgetreue Inszenierung glaubhaft vor der Rhetorik des Antisemitismus ab, doch bleibt die Frage unbeantwortet, in welchem Maße sich eine derart negative Charakterzeichnung der fanatischen jüdischen Gelehrten und der von ihnen aufgewiegelten Bevölkerung mit der heutigen Weltpolitik vereinnahmen lässt. „Die Passion Christi“ ist ein zweischneidiges Schwert, brisanter Zündstoff für breitgefächerte Diskussionen. Dabei sollte man Mel Gibson zugutehalten, dass sich die Menschen in Zeiten stetig sinkenden Vertrauens in die Institution der Kirche dank seines kompromisslos christlichen Filmes auf ihre religiösen Wurzeln berufen und sich vermehrt mit der Thematik der Bibel auseinandersetzen.

Allerdings steht in der kirchlichen Ideologie nicht das gewaltreiche Ableben des Heilsbringers als Eckpfeiler des Glaubens im Vordergrund, sondern seine unerschöpfliche Nächstenliebe. Die führt Gibson seinem Publikum anhand von eingestreuten Rückblenden, in denen unter anderem das letzte Abendmahl und die Bergpredigt beleuchtet werden, vor Augen. So ist die größte Stärke der konsequente Bruch mit verharmlosendem theologischen Pathos, das Gibsons unbequemes Werk wie ein aufrüttelnder Faustschlag ins Gesicht eines jeden Christen anmuten lässt. Diese Art der Aufarbeitung der letzten Stunden im Leben des Jesus Christus mögen formal der eigensinnigen Sichtweise Mel Gibsons entstammen, doch ist sie in der kontra-artifiziellen Umsetzung allen voran peinigend nah an der Realität. Das US-Publikum indes ergriff bereits von aller Kritik unbeirrt für den Film Partei und stellte dem von Initiator Gibson fast allein gestemmten Budget von 25 Millionen Dollar ein Einspielergebnis von mehr als 260 Millionen entgegen.

Darüber hinaus wurde den erhitzten Gemütern der unnachgiebigen Kritiker auch von Seiten Papst Johannes Pauls II. ein indirekter Schuss vor den Bug erteilt, verweigerte der Vatikan im Anschluss an eine persönliche Sichtung des Filmes doch aus Gründen der Neutralität eine offizielle Stellungnahme. Entgegen aller Negativ-Wetterung ist „Die Passion Christi“ ein bedeutsames Werk voller Metaphorik, ergreifend gespielt, unbequem realisiert und in seiner Aussage mitunter beängstigend zwiespältig. Doch hätte sich die rationale Kritik bei aller Diskussion um Kontroversen, Gewaltverherrlichung und Antisemitismus auch gegen die Evangelien der heiligen Schrift selbst zu richten, was diesen bildgewaltigen und kraftvollen Orkan aus Tränen und offenem Fleisch letzten Endes weit über den Standard eines schnelllebigen Kulturphänomens hinauswachsen lässt.

Wertung: 6.5 Stars (6,5 / 10)

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