Die Kassierer – Haptisch: Ihre besten Aufnahmen aus 30 Jahren (2015, Teenage Rebel Records)

die-kassierer-haptischDie (mächtigen) KASSIERER sind offiziell Kunst. Nicht so wie Picasso oder Rembrandt, sondern eher wie Inkasso (Einzug der Forderung nach Niveauregulierung) oder Weinbrand (kreative Huldigung und Vernichtung von Alkohol). Aber das genügt für satirisch angehauchten Nonsens mit popelndem Finger im Po. Oder aber als vorgeschlagener Ersatz für Xavier Naidoo beim ESC. Doch daraus wird leider nix. Schade, denn so eine „Stinkmösenpolka“ hätte den steifen Europudding sicher interessant gestaltet. Aber „Wölfi“ Wendland und seinen Spießgesellen bleibt neben dem blendenden Aussehen ja noch das aktuell in die Vorweihnachtszeit geschobene Best-of-Album „Haptisch“. Das ist doch auch was!

Der Titel ist einmal mehr exzellent gewählt. Denn die Wattenscheider Proll-Punks bieten seit mittlerweile 30 Jahren nicht bloß Musik für beide Ohren, sondern auch kreative Unflat zum Anfassen. Unter die 31 Tracks der munteren Zusammenstellung haben sich aber auch drei bislang unveröffentlichte Stücke (aus der diesjährigen Theaterproduktion) gemogelt, wobei das eröffnende „Punk-Intro“ zu vernachlässigen ist. Die anderen beiden, namentlich „Menschenfresser“ und „Da isst man einmal einen Fuß“, beschäftigen sich mit dem unterschätzten Thema des Kannibalismus. Überzeugen kann davon aber lediglich der kurz gehaltene letztgenannte Beitrag. Wer die KASSIERER in Hochform erleben will, ist mit dem bunten – und durch die Bank neu gemasterten – Querschnitt durch Jahrzehnte und Platten (natürlich inklusive oben erwähnter Polka-Interpretation) daher deutlich besser bedient.

Nun gibt es aber sicher wieder Zweifler, die nach Sinn und Zweck der Übung fragen und denen auch die Songauswahl nicht vollends zusagt. Das Schöne an „Haptisch“ ist jedoch die Ausgewogenheit. Fast scheint es, als wollten die passionierten Geschmacksverirrer abseits von Extremen auch extreme Vielseitigkeit beweisen. Neben (und mit) bewährten Gassenhauern wie „Blumenkohl am Pillemann“, „Partylöwe“ (das Reimen von „alright“ auf „Partylöwenzeit“ ist und bleibt ein Indiz für Hochkultur!), „Außenbordmotor“, „Ich töte meinen Nachbarn und verprügel seine Leiche“, „Du hast geguckt“, „Vegane Pampe“, „Arm ab“, „Großes Glied“, „Arsch abwischen“, „Mein schöner Hodensack“, „U.F.O.“ oder „Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist“ setzt es eine ganze Reihe beschwingter Nummern, die weit über den Tellerrand des Punk hinausgreifen.

So hält bei „Mit ’nem Zeppelin durchs Jenseits“ die Big Band Einzug, werden bei „Gott hat einen IQ von 5 Milliarden“ (Frei-)Kirchenlieder durch den Kakao gezogen oder beim herrlich bekloppten „USA 1996: Emerson Brady – der erste Mensch auf der Sonne“ Anklänge an den Rock der 70er hervorgekramt. Dazwischen werden Schlager oder Folk bemüht, RAMMSTEIN mit „Meister aller Fotzen“ abgewatscht oder das Latinum mit „Anus Apertus“ bestanden. Experimentell absurd wird es beim „Klagegesang einer Katze“ oder der Ode an die „Quantenphysik“, während beim Klassiker „Das Leben ist ein Handschuh“ oder auch „Bin ich oder hab ich?“ wichtige Fragen nach dem Sinn des Seins formuliert werden. Überraschend kluge Gedanken offenbaren die Ruhr-Barone aber vor allem mit der Perle „Meine Freiheit, deine Freiheit“.

Wer seine niederen Gelüste befriedigt wissen will, ist bei „Mach die Titten frei, ich will wichsen“ und „Sex mit dem Sozialarbeiter“ an der richtigen Adresse. Der Komplettierung halber werden die übrigen Beiträge einfach ohne weiteren Kommentar hintereinander gereiht: „Menschenkatapult“, „Besoffen sein“, „Anarchie und Alkohol“. So, genug schwadroniert: Wer ein stilvolles Weihnachtsgeschenk sucht, kann die Suche einstellen. „Haptisch“ sollte bei allen Niveaustufen Anklang finden und erklärt im Booklet zudem die wahre Bestimmung der KASSIERER. Das sollte auch der Oma zum Fest ein Lächeln aufs runzlige Gesicht zaubern. Denn über Geschmack lässt sich streiten, Kunst aber ist über jeden Zweifel erhaben!

Wertung: (7,5 / 10)

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