Der Vorleser (USA/D 2008)

der-vorleser„It doesn’t matter what I feel. It doesn’t matter what I think. The dead are still dead.“ – Hanna

Bei ihrem Gastauftritt in der satirischen BritCom „Extras“ ließ Kate Winslet verlauten, sie habe die Rolle in einem Film über den Holocaust nur angenommen, weil ihr damit ein Oscar garantiert sei. Die wahre Klasse dieser Szene offenbarte sich während der Oscar-Verleihung 2009, als sie für ihre Darbietung in der Bestseller-Verfilmung „Der Vorleser“ tatsächlich den höchsten Preis der US-Filmwirtschaft einheimste. Die Adaption von Bernhard Schlinks international erfolgreichem Roman ist unbestritten großes Gefühls- und Ausstattungskino. In der Aufarbeitung von Verantwortlichkeit und Schuld scheitert sie jedoch kläglich.

Für den 15-jährigen Michael (David Kross, „Krabat“) ist die weit ältere Hanna (Winslet) die Liebe seines Lebens. 1958 lernt er sie zufällig in seiner Heimat Neustadt kennen. Es ist die Zeit des Wirtschaftswunders, in der die Narben des Krieges aus dem urbanen Lebensraum heraussaniert werden. Der Schüler und die Schaffnerin, die sich gern von ihm vorlesen lässt, gehen ein verbotenes Verhältnis ein. Doch irgendwann ist sie verschwunden, ohne Nachricht, ohne ein Wort des Abschieds. Das einseitige Wiedersehen erfolgt acht Jahre später, als Jura-Student Michael vor Gericht den Prozess gegen die frühere KZ-Aufseherin Hanna verfolgt.

Die Frage nach Recht und Gerechtigkeit, nach Schuldfähigkeit und der Differenzierung von Tätern und Opfern im totalitären Regime nimmt eine eher untergeordnete Rolle ein. Zwar gelingt es „The Hours“-Regisseur Stephen Daldry während der Gerichtsverhandlung kurzzeitig Intensität – und die Borniertheit der deutschen Nachkriegsgesellschaft – durchscheinen zu lassen. Der zentrale Aspekt aber bleibt die unglückliche Liebesgeschichte, ohne die einem internationalen Publikum die schwere des Stoffes (sei es nun im Buch oder der recht werkgetreuen Verfilmung) wohl kaum zu vermitteln ist.

Den Stallgeruch der Trivialität kann das Skript nicht abschütteln, wenn es sich vor allem in der Vorgeschichte zu selbstgefällig in den Federn und Winslets überbetonter Nacktheit suhlt. Den erwachsenen Michael mimt Ralph Fiennes („Der ewige Gärtner“), der, unter den Erfahrungen mit Hanna zerrüttet, den Weg der emotionalen Abschottung wählt. Die Ausbildung seines Rechtsempfindens überdauert Jahrzehnte. Am Ende hat er nicht nur ihr, sondern insbesondere sich selbst zu verzeihen. Die Oscar-Ehrung der Winslet mag verdient erscheinen. Nur versäumt das allzu sentimentale Drama die Vertiefung der wesentlichen Fragen und Aspekte.

Wertung: 6.0 Stars (6,0 / 10)

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