Cold Reading – Sojourner (2017, Krod Records)

Der Emo lebt. Zwar sind die Tränen mittlerweile weitgehend getrocknet, nach dem Ausverkauf der gefühlsbetonten (Indie-)Rockmusik finden sich aber immer noch eingefleischte Combos, die dem weichgespülten Mainstream mit Herzblut (und -schmerz) trotzen. Eine davon ist COLD READING. Die Schweizer drehen das Rad der Zeit einfach zurück und präsentieren kraftvoll schwelgerische Songs, die direkt aus der Drangphase von THE GET UP KIDS oder JIMMY EAT WORLD zu stammen scheinen. Auf dieser Grundlage schuf das Debütalbum „Fractures and Fragments“ bleibende Eindrücke. Die werden durch die EP-Nachreichung „Sojourner“ gefestigt, wobei das Gespann einen deutlichen Schritt aus dem Schatten der erwähnten Referenzkapellen heraustritt.

Das äußert sich vorrangig im zurückgenommenen Tempo, das die mit mehr Entfaltungsraum ausgestatteten Melodien noch eine Spur weitschweifiger erscheinen lässt. Der Startpunkt „Books & Comfort“ deutet noch am wenigsten in diese Richtung, verfügt dieser doch wieder über die entwaffnend eingängige Melange aus druckvollen Rhythmen und starkem Gesang. Die folgenden Nummern kehren jedoch die reduzierte, bisweilen zarte Seite der Eidgenossen merklich hervor. Das zeigt neben dem poppig angehauchten Titeltrack, der sich im neuerlich großen Refrain lauteren Strukturen öffnet, vor allem das beschließende „Scratches“. So überzeugt die Vier-Track-Momentaufnahme gerade, weil das Warten auf den Ausbruch von inspiriertem Innehalten abgelöst wird, das die Vielseitigkeit von COLD READING eindrucksvoll unterstreicht. Der ideale Soundtrack zur Herbst-Melancholie.

Wertung: 7.5 Stars (7,5 / 10)

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