Cannibal Holocaust – Nackt und zerfleischt (I 1979)

cannibalholocaustUnter dem Deckmantel des Dokumentarismus veröffentlichte Gualtiero Jacopetti („Africa Addio“) in den 60er- und 70er-Jahren die populäre „Mondo Cane“-Reihe. Konzipiert als ethnologischer Exkurs, drängte sich rasch die Darstellung von Sex und Gewalt im Dienste einer exploitativen Ausschlachtung des Themas in den Vordergrund. Der „Mondo“-Film weckte das Interesse des Publikums an den primitiven Naturvölkern und ihren Riten und weitete sich im grassierenden Sub-Genre des Kannibalenfilms rasend schnell zu einem ultrabrutalen Flächenbrand aus.

Als Mutter des Sub-Genres gilt gemeinhin Ruggero Deodatos „Cannibal Holocaust“. Es war nicht der erste Beitrag seiner Art, bis heute aber wohl der gefürchtetste wie umstrittenste. Deodato kommentiert darin die Entwicklung des „Mondo“-Films und bedient sich gleichsam seiner in intensivierter Schockierung verwurzelten Mechanismen. Der Grundgedanke ist eine kritische Reflexion der selbsternannten zivilisierten Welt hinsichtlich der Maßgabe der Massenmedien im Umgang mit der Veröffentlichung und Ausstrahlung von Gewalt.

Raffiniert bettet Regisseur Deodato („Der Schlitzer“, „Mondo Cannibale 2 – Der Vogelmensch“) die Kritik an Medien und Gesellschaft in einen anfangs konventionellen Plot. Nachdem ein Kamerateam in den unentwegten Dschungeln Südamerikas spurlos verschwindet, wird der Anthropologe Harold Monroe (Robert Kerman, „Make Them Die Slowly“) mit der Spurensuche betreut. Bei einem kaum erforschten Stamm kannibalischer Wilder wird er fündig und stößt auf die grausam zerstückelten Kadaver der Expeditionsteilnehmer.

Professor Monroe gelingt es, das Filmmaterial zu bergen und in die Heimat zu schaffen. Im Auftrag des fördernden Fernsehstudios wertet er die Aufnahmen zugunsten einer geplanten Ausstrahlung aus. Doch künden die Dokumentationen der Verstorbenen von unmenschlicher Grausamkeit. Um ihr Werk mit größtmöglicher Authentizität zu schmücken, quälten, vergewaltigten und brandschatzten die Filmemacher vor laufender Kamera. Die nicht minder gewaltreiche Rache der Naturvölker ließ da nicht lange auf sich warten.

„Cannibal Holocaust“ schöpft seine enorme Wirkungskraft aus dem bearbeiteten Bildmaterial, das visuell verfremdet unmittelbar in die barbarischen Gewaltakte des Filmteams eintaucht. Ab Hälfte zwei wird der Zuschauer unvermittelt zum Voyeur gestempelt und bekommt die Sichtweise der Täter geradezu aufgezwängt. Dieser hyperrealen Darstellungsform körperlicher Pein kann man sich nur schwer entziehen. Es sind Bilder, die sich ins Hirn fräsen und ein Abwenden trotz schockierend realitätsnaher Gewalt schier unmöglich machen.

Stilistisch wartet Ruggero Deodato mit einigen künstlerisch interessanten Aspekten auf. Deren Bodensatz markieren die seinerzeit obligatorischen Tiertötungen. Diese reale Darstellung physischen Leids findet ihre erschreckende Sublimierung in der grausamen Ausweidung einer Riesenschildkröte. Mit einem Blick auf das Leben fremder Kulturkreise hat das nichts mehr zu tun und dient einzig der Befriedigung niederer Gelüste. Der Blick ins Auge des echten Todes wird erweitert durch eingeschobenes Dokumentationsmaterial aus Afrika, welches selbst die Exekutionen von Kindern aufzeigt.

Doch selbst die gestellten Gewaltakte erhitzten die Gemüter. In seiner Heimat musste Ruggero Deodato den Beweis dafür erbringen, dass seine Darsteller nicht tatsächlich im Zuge der Dreharbeiten getötet wurden. Bis 1984 blieb sein Werk in Italien verboten. Dieser Reiz der verbotenen Frucht begünstigt den legendären Status von „Cannibal Holocaust“ auch in Deutschland, wo der Film bis heute der Beschlagnahmung unterliegt. Seine Verlockung schöpft die krasse Bewährungsprobe individueller Standhaftigkeit auch gegenwärtig aus dem, was Marcus Stiglegger treffend als „die Neugier auf das Innere des anderen“ („Splatter-Movies“) bezeichnet.

„Haben wir nicht alle etwas kannibalisches an uns“, lautet das nüchterne Resümee von Professor Monroe am Ende. Im Hinblick auf die zivilisierte Menschheit, die sich oft wilder und menschenverachtender präsentiert, als die vermeintlich primitiven Naturvölker, unbedingt. Seine kritische Intention verfehlt Ruggero Deodato somit nicht. Sinn und Zweck des ganzen bleibt dennoch fraglich, schließlich genügt zur Veranschaulichung der Grausamkeit der Spezies Mensch allein der tägliche Blick in die Nachrichten. Allerdings vermag „Cannibal Holocaust“ auch ein Vierteljahrhundert nach seiner Entstehung noch spielerisch die abgestumpfte Kenntnisnahme medial aufbereiteter Gräuel zu durchdringen. Und das ist ungeachtet von strapazierfähigem Nervenkostüm und starkem Magen aller Ehren Wert.

Wertung: (7 / 10)

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